Prof. Dr.-Ing. Reihlen
   
Startseite
 Aktuelles 
 Diese Ausgabe 
 Wissenswertes 
 Ausgabe 3/2004 
Professor Dr.-Ing. Helmut Reihlen, Mitglied unserer Gemeinde, ehemaliger Direktor des DIN, verheiratet, drei erwachsene Kinder und (bisher) fünf Enkel, ist seit vielen Jahren ein engagiertes Kirchenmitglied. Seine Mitarbeit wird in diversen kirchlichen und wissenschaftlichen Leitungsgremien hoch geschätzt. Im August feiert Helmut Reihlen seinen 70. Geburtstag.
Professor Reihlen, Sie sind seit mehreren Jahrzehnten in den verschiedensten kirchlichen Bereichen engagiert, u. a. in der Kirchenleitung, im Rat des Diakonischen Werkes und in verschiedenen Kuratorien. Woher kommt Ihre Liebe zur Kirche?
Ich bin als vierter von fünf Brüdern in Leipzig aufgewachsen. In unserem Elternhaus war es eine Selbstverständlichkeit zur Kirche zu gehören. Zu Weihnachten spielten wir Kinder in Krippenspielen mit oder sangen im nahegelegenen Lindenauer Diakonissenhaus für die verwundet von der Front Zurückgekehrten, die dort gepflegt wurden. Man wuchs in die Kirche hinein, die eigene Glaubensent-scheidung war da zunächst gar nicht notwendig.
Womit begann Ihr ehrenamtliches Wirken in der Kirche?
Zuerst in der Jungen Gemeinde in Leipzig. Dann, während meines Studiums in Aachen, habe ich mich stark in der Studentenschaft engagiert, die Studentengemeinde war in dieser Zeit so eine Art geistli-che und intellektuelle Heimat für mich. In der Politik der fünfziger Jahre herrschte der Kalte Krieg. Und ich kam ja aus Mitteldeutschland. Da war die Studentengemeinde ein wichtiger Anlaufpunkt zum offe-nen Diskutieren, zum Kontakt zur alten Heimat und zu dortigen Studentengemeinden.
In den ersten Berufsjahren im Ruhrgebiet bin ich dann Mitglied im Gemeindekirchenrat und in der Kreissyno-de geworden. Das war eine sehr prägende Zeit für meine Frau und für mich. Wir haben damals, inspiriert durch Dorothee Sölle, in Rheinhausen einen theologischen Arbeitskreis gebildet, aus dem her-aus dann alle vier Wochen "Politische Nachtgebete" gestaltet wurden.
1971 wurden Sie Direktor des Deutschen Instituts für Normung e.V. (DIN) und zogen mit Ihrer Familie nach Berlin. 1979 wählte man Sie zum Präses der Berliner Regional-Synode West.
Inwieweit konnten Sie Ihre beruflichen Erfahrungen in die kirchli-che Arbeit einbringen?
Meine berufliche Verankerung war mir sicher eine Hilfe. Die Erfahrungen in leitender Veranwortung haben insbesondere für den Synodenvorsitz großen Wert gehabt.
Inhaltlich war es hilfreich, dass ich in einem Berufsfeld zu tun hatte, in dem viele schnelle, glaubensorientierte Behauptungen mit naturwissenschaftlicher und ökonomischer Relevanz auf ihren harten Kern überprüfbar waren. Dabei blieben Konflikte natürlich nicht aus, etwa in Diskussionen um Umweltschutz oder auch Kerntechnik, Marktwirtschaft und Welthandel.
Sie sind seit 1992 Vorsitzender der Stiftung Bonhoeffer-Lehrstuhl am Union Theological Seminary in New York. Wie wichtig ist dem Naturwissenschaftler Helmut Reihlen der Aus-tausch von Theologie und Kirche mit anderen wissenschaftlichen Bereichen?
Das große Thema der Schöpfungstheologie ist für mich als Ingenieur sehr wichtig.
Mit dem Begriff "Bewahrung der Schöpfung" hab’ ich mich zum Beispiel nie anfreunden können, weil er biblisch und naturgeschichtlich in die Irre führt, so als hätte es irgendwann in der Vergangenheit einen "guten" Zustand gegeben, der bewahrt werden müsse.
Die Schöpfung ist nie fertig, sondern der Mensch ist als Mitarbeiter Gottes für ihre Gestaltung und Weiterentwicklung mitverantwortlich. Der statische Schöp-fungsbegriff hat ja viele Jahrhunderte zu einer regelrechten Technikfeindlichkeit in unserer Kirche geführt. Deswegen haben viele verantwortungsbewusste Natur-wissenschaftler und Ingenieure unserer Kirche den Rücken gekehrt.
Im Moment engagieren Sie sich besonders als Kurator des Domstifts Brandenburg und beim Auf-bau eines Evangelischen Gymnasiums am Dom. Was ist das Besondere an dieser Arbeit, was für Chancen sehen Sie im Werden dieser neuen Schule?
Zunächst einmal geht es um die Bewahrung der historischen Gebäude, also des Domes, der Kloster-klausur, der Domkurien usw., und das nicht in erster Linie als Tourismusattraktion oder wegen des schönen Stadtbildes, sondern vor allem als sichtbares Zeugnis des Glaubens unserer Vorfahren, qua-si als steingewordene Predigt. Dieser historische Ort hilft, die uns aufgetragene Botschaft weiterzugeben.

  Das geschieht auf der Dominsel, in der Gemeinde, im Predigerseminar, im Bildungswerk, wie auch in der Evangelischen Grundschule. Als sich dann eine Initiative von Eltern und Lehrern für den Aufbau eines Evangelischen Gymnasiums am Dom bildete, war ich sofort begeistert dabei. Wenn man bedenkt, dass in Brandenburg nur etwa 10 Prozent der Kirche angehören, bietet sich hier die Chance, einen Ort des gemeinsamen Lebens und Lernens im Geist des Evangeliums zu schaffen. Das knüpft an an die Ritterakademie der preußischen Könige, die am Dom von 1705 bis 1945 bestanden hat.
Professor Reihlen, im August feiern Sie Ihren 70. Geburtstag, im Mai haben wir das siebzigjährige Bestehen der Barmer-Theologischen Erklärung gefeiert. Was wünschen Sie sich im neuen Lebensjahr und was wünschen Sie Ihrer Kirche?

Ich freue mich, mit meiner Verwandtschaft und unserem Freundeskreis in Brandenburg ein Fest zu feiern und ein paar Tage gemeinsam dort zu verbringen. Ich habe alles, was ich brauche. Aber das Domgymnasium braucht Hilfe, braucht Geld. Ich wünsche mir wirklich, dass es gelingt, dass 2006 die ersten Schüler das neue Gymnasium besuchen.
Meiner Kirche wünsche ich, dass mehr Menschen wahrnehmen, was es in ihrem Leben für eine Hilfe sein kann, sich in einer christlichen Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen; dass man uns an der Art, wie wir miteinander umgehen, als Christen erkennen kann; dass Christen, Menschen, die sich dem Evangelium verpflichtet fühlen, in Staat und Gesellschaft Verantwor-tung übernehmen.

Das Interview führte Florian Kunz